Das Licht der Welt,

das ich erblickte, kam von einer Zugleuchte mit Glühfadenlampe, war also elektrisches Licht, denn ich gab mein Debüt auf der Bühne des Welttheaters just um Mitternacht. Ob die Uhr in der Wohnküche auf die Minute pünktlich war, ist natürlich fraglich. Man schlug mich auf den Rücken und ich dachte schon, ich wäre im Kriegsgeschehen gelandet. Denn Deutschland hatte am 1. September vor fast einem Jahr mit Bomben auf Wielun, 244 km WNW-lich von Gablonz, den zweiten Weltkrieg angezettelt. (Mittlerweile war das Naziregime praktisch mit und in ganz Europa im Krieg, und bis zu dessen dickem Ende, sollten noch fast fünf weitere Jahre vergehen.) Als ich dann aber zu schreien begann, ließ man von mir ab, wusch mich und verpasste mir meine erste Bekleidung und bettete mich anständig. Sodann ging es ans Ausfüllen meines ersten Formulars. "Ja, auf jeden Fall schreiben wir 14. August," hörte ich Frau Lettfuss, die Hebamme, sagen. "Gablonz an der Neiße, Lerchenfeldstraße 62, ..." Dann sah sie mir noch einmal tief in die Augen und sagte, "Was du wohl einmal werden wirst." Ich sagte, dass ich doch gerade erst geworden wäre und nun bin. "Welchen Beruf du einmal ergreifen wirst." "Beruf! Das klingt ja wie auf der Stelle treten! Ich will diverse Dinge tun und immer weiter lernen und meine geistigen Kräfte entfalten, damit ich die Natur verstehen und die Menschen durchschauen kann und mir in allen Lebenslagen zu helfen weiß." Ich denke nicht, dass sie mich verstand. Das war mir aber egal. Es war ein gutes Gefühl, endlich selbst zu atmen und schließlich ließ ich mich von Morpheus Armen umfangen.

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Mitte Dezember 1960 (offiziell war ich bis Jahresende noch beim Bundesheer, die letzten Wochen waren aber Urlaub) fuhr ich mit dem Zug nach Thun im Berner Oberland um für ein paar Tage bei Familie Luginbühl zu bleiben und um mich umzusehen. Ich fand auch gleich Arbeit als Mechaniker bei der Fritz Studer AG in Steffisburg, ein Hersteller von Präzisionsschleifmaschinen. Herr Trümpi, der Werksleiter, rief Herrn Grossenbacher an, meinen Meister in spe und dieser zeigte mir bei einem kleinen Werksrundgang vor allem die neuen, hellen sauberen Montageräume. Das Personal trug auffallend saubere Arbeitsmäntel. Nur wenige, z. B. der Rufener Housi und vor allem die Schaber, trugen Overalls. Die Schaber bearbeiten die Schlittenführungen derart, dass die vorgeschliffene Planheit der Gleitfläche erhalten bleibt, aber eine leichte Unebenheit entsteht, sodass kein zu starker Haftungseffekt auftritt, der zu Ruckeln führen würde. Sie verwendeten Bläuel, eine blaue Paste, zur Kenntlichmachung der Unebenheiten.

Ein schönes Zimmer fand ich am Hübeli am Blumenweg in Thun, circa 15 Gehminuten vom Arbeitsplatz. Zwischen letzterem und der Wohnung waren auch eine Kuhweide sowie das Restaurant Glockenthal. In dem Chalet wohnte im Obergeschoss der verwitwete Herr Stucki mit Sohn und im Erdgeschoss seine Schwester, die verwitwete Frau Martha Elmer. Sie vermietete mir ihr Wohnzimmer. Da ich nur mit kleinem Gepäck in die Schweiz gereist war, fuhr ich zurück nach Kremsmünster um nach den Feiertagen, Anfang 1961, ganz nach Thun zu übersiedeln. Alsbald trat ich meine Stelle beim Studer an.

Morgens hatte ich immer Radio Beromünster eingeschaltet. Sie sendeten zweisprachig. Die Stimme eines älteren Sprechers ist mir noch im Ohr: „Il est, exactement, six heures, vingt-neuf minutes, trente secondes.“ So lernte ich meine ersten Worte Französisch. Das war mir aber nicht von Nutzen, als ich Anfang Februar am Ufer des Thunersees Jacqueline Oberlin kennenlernte. Sie war aus Lausanne und erst seit ein paar Tagen in Thun und sie konnte kaum ein Wort Deutsch. So unterhielten wir uns mit Händen und Füßen. Auch Papier und Kuli kamen zum Einsatz. So zeichnete sie z. B. die Kontur eines Löffels und schrieb "la cuillère" dazu. Ein anderer Ausdruck den sie aufschrieb war "mon état général", aber dafür war gab es keine Illustration.

Als sie nachhause musste, begleitete ich sie und unterwegs kaufte sie sich am Bahnhof eine französischsprachige Zeitung. In dieser zu ende gehenden Skisaison waren die Österreicher den Schweizern zumeist eine Nasenlänge voraus gewesen. Als Jacqueline den Sportteil aufschlug, entfuhr es ihr: „die chaiben Öschtricher!“ Ich zeigte mir auf die Brust und sagte „ich Öschtricher!“ Das war natürlich ein Anlass für herzhaftes Gelächter. Also ein paar Worte hatte sie in Thun schon aufgeschnappt.

Am nächsten Tag auf der Arbeit erzählte ich meinem Kollegen René von meiner Bekanntschaft. Er hatte es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, mir das eine oder andere auf Französisch beizubringen (Quelle heure est-il ?, la aiguille des secondes, Qu'est-ce que c'est ?). Da kam auch noch Luc dazu, ein Westschweizer, und nach kurzem Hin und Her über "mon état général" fragten sie mich, wohin ich Jacqueline begleitet hätte und es stellte sich heraus, dass es ein Heim für junge, ledige werdende Mütter war (Hohmad). Viele Jahre später, kurz bevor ich die Schweiz verließ, suchte ich nach dem Namen Oberlin im Lausanner Telefonbuch. Da waren zwei oder drei. Ich erwischte einen Cousin von Jacqueline und der gab mir ihre Nummer. Sie konnte mittlerweile gut Deutsch und wir schwelgten in Erinnerung des denkwürdigen Geschehens.

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Wie die Geschichte weiter geht, wird demnächst fortgesetzt.

Stephen Hawking (1942 - 2018) wäre froh gewesen, hätte er einmal vor seine Haustür treten können, und der Heinrich, der gesunde Glieder hat, liegt bis um zehn im Bett und vermeidet jede Bewegung.