Das Licht der Welt,

das ich erblickte, kam von einer Zugleuchte mit Glühfadenlampe, war also elektrisches Licht, denn ich gab mein Debüt auf der Bühne des Welttheaters just um Mitternacht. Ob die Uhr in der Wohnküche auf die Minute pünktlich war, ist natürlich fraglich. Man schlug mich auf den Rücken und ich dachte schon, ich wäre im Kriegsgeschehen gelandet. Denn Deutschland hatte am 1. September 1939 mit Bomben auf Wielun, 244 km WNW-lich von Gablonz, den zweiten Weltkrieg angezettelt. (Mittlerweile war das Naziregime praktisch mit ganz Europa im Krieg, und bis zu dessen dickem Ende, sollten noch fast fünf weitere Jahre vergehen). Als ich dann aber zu schreien begann, ließ man von mir ab, wusch mich und verpasste mir meine erste Bekleidung und bettete mich anständig. Sodann ging es ans Ausfüllen meines ersten Formulars. "Ja, auf jeden Fall schreiben wir 14. August," hörte ich Frau Lettfuss, die Hebamme, sagen. "Gablonz an der Neiße, Lerchenfeldstraße 62, ..." Dann sah sie mir noch einmal tief in die Augen und sagte, "Was du wohl einmal werden wirst." Ich sagte, dass ich doch gerade erst geworden wäre und nun bin. "Welchen Beruf du wohl einmal ergreifen wirst?" "Beruf! Das klingt ja wie auf der Stelle treten! Ich will diverse Dinge tun und immer weiter lernen und meine geistigen Kräfte entfalten, damit ich die Natur verstehen und die Menschen durchschauen kann und mir in allen Lebenslagen zu helfen weiß." Ich denke nicht, dass sie mich verstand. Das war mir aber egal. Es war ein gutes Gefühl, endlich selbst zu atmen und schließlich ließ ich mich von Morpheus Armen umfangen.

Mein Vater war aus Reisach in Kärnten und meine Mutter aus Liebau in Mähren. (Siehe Karte). Sie waren also beide in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie aufgewachsen. Als diese 1918 zerfiel, war mein Vater 20 Jahre alt und hatte schon im Ersten Weltkrieg gedient. Meine Mutter war vierzehn. Beide haben später in Gränzendorf bei Gablonz Arbeit gefunden, wo sie sich kennenlernten. Am 13. März 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. Am 12. 9. 1938 haben meine Eltern in spe geheiratet (Siehe Fotos) und kauften sich das Haus Lerchenfeldstraße 62 in Gablonz an der Neiße. Im Jahr darauf kam Christl zur Welt, die aber nach wenigen Wochen verstarb.

Hitler hatte zuerst die Abspaltung der Slowakei forciert und ließ dann am 15. März 1939 das verbliebene Staatsgebiet der Tschecho-Slowakischen Republik (Č-SR) von der Wehrmacht besetzen. Am Tag darauf proklamierte er das „Protektorat Böhmen und Mähren“, und gliederte damit das tschechische Gebiet völkerrechtswidrig dem Deutschen Reich ein. Anstatt als Österreicher wurde ich also ins Deutsche Reich geboren. Nach Kriegsende, als der nationalsozialistische Spuk vorbei war, wurden meine Eltern und ich wieder zu Österreichern, im Gegensatz zu den alteingesessenen Sudetendeutschen, die ausgesiedelt wurden.

Meine allerersten Erinnerungen gehen tatsächlich aussergewöhnlich weit zurück. Der Krieg, das Verhältnis zur tschechischen Bevölkerung und besonders der Verlust des ersten Kindes, hatten bei meiner Mutter eine tiefe Trostlosigkeit ausgelöst, die sie, während sie mit mir schwanger war, auf mich übertrug. Meine ersten Erinnerungen sind deshalb, dass ich nach dem Aufwachen erst einmal traurig war. Ich setzte mich auf meinen Fußschemel in der Wohküche neben der Schlafzimmertür und weinte.

Selten fuhr ein Auto oder ein Fuhrwerk durch die Lerchenfeldstraße. So wurde ich, kaum dass ich gehen gelernt hatte und die nähere Umgebung kannte, losgeschickt um kleinere Besorgungen zu machen. Zum Faltus Bäcker um Semmeln. Einmal war das Einkaufsnetz kaputt und zuhause angekommen, waren fast alle Semmeln weg. Ein anderes Mal waren die Semmeln alle weg, weil ich sie auf dem Heimweg für winzige Bilderbüchlein eingetauscht hatte. Ältere Kinder hatten mir den Tausch schmackhaft gemacht. Einmal die Woche brühte der Fleischer beim Bahnhof Würste und da ging ich meist Wurstsuppe holen. In einer 2-Liter Milchkanne, wie sie damals üblich waren. Einmal im Winter kam ich aus dem Fleischerladen und stolperte oder rutschte aus, jedenfalls landete ich auf einem Schneehaufen und die Wurstsuppe landete im Schnee. Die Metzgersfrau tröstete mich und machte mir die Kanne wieder voll. Gleich nach dem Bahnhof fuhr der Zug unter der Straße durch, und direkt darunter war einmal ein entgleister Zug. Die weiteste Weg den ich einmal machte war, als am Wochenende kein Brot im Haus war. Meine Mutter schickte mich zum Herrn Vinzenz, ein bekannter Tscheche, der später als Verwalter unseres Hauses bestellt wurde, als wir nach Österreich gingen. Es gab ja damals in einem Haushalt kein Telefon und so musste ich auf gut Glück los und den Herrn Vinzenz aufsuchen und fragen, ob er mit etwas Brot bis Montag aushelfen könnte. Er hatte ausreichend und schnitt von seinem Brotleib zwei Keile ab. Warum ich mir die Sache gemerkt habe ist, weil er jeden Keil mit einer Prise Salz versah.

Wie die Geschichte weiter ging, wird demnächst fortgesetzt.

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Mitte Dezember 1960 (offiziell war ich bis Jahresende noch beim Bundesheer, die letzten Wochen waren aber Urlaub) fuhr ich mit dem Zug nach Thun im Berner Oberland um für ein paar Tage bei Familie Luginbühl zu bleiben und um mich umzusehen. Ich fand auch gleich Arbeit als Mechaniker bei der Fritz Studer AG in Steffisburg, ein Hersteller von Präzisionsschleifmaschinen. Herr Trümpi, der Werksleiter, rief Herrn Grossenbacher an, meinen Meister in spe und dieser zeigte mir bei einem kleinen Werksrundgang vor allem die neuen, hellen sauberen Montageräume. Das Personal trug auffallend saubere Arbeitsmäntel. Nur wenige, z. B. der Rufener Housi und vor allem die Schaber, trugen Overalls. Die Schaber bearbeiten die Schlittenführungen derart, dass die vorgeschliffene Planheit der Gleitfläche erhalten bleibt, aber eine leichte Unebenheit entsteht, sodass kein zu starker Haftungseffekt (Adhäsion) auftritt, der zu Ruckeln führen würde. Sie verwendeten Bläuel, eine blaue Paste, zur Kenntlichmachung der Unebenheiten.

Ein schönes Zimmer fand ich am Hübeli am Blumenweg in Thun, circa 15 Gehminuten vom Arbeitsplatz. Zwischen letzterem und der Wohnung waren auch eine Kuhweide sowie das Restaurant Glockenthal. In dem Chalet wohnte im Obergeschoss der verwitwete Herr Stucki mit Sohn und im Erdgeschoss seine Schwester, die verwitwete Frau Martha Elmer. Sie vermietete mir ihr Wohnzimmer. Da ich nur mit kleinem Gepäck in die Schweiz gereist war, fuhr ich zurück nach Kremsmünster um nach den Feiertagen, Anfang 1961, ganz nach Thun zu übersiedeln. Alsbald trat ich meine Stelle beim Studer an.

Morgens hatte ich immer Radio Beromünster eingeschaltet. Sie sendeten zweisprachig. Die Stimme eines älteren Sprechers ist mir noch im Ohr: „Il est, exactement, six heures, vingt-neuf minutes, trente secondes.“ So lernte ich meine ersten Worte Französisch. Das war mir aber nicht von Nutzen, als ich Anfang Februar am Ufer des Thunersees Jacqueline Oberlin kennenlernte. Sie war aus Lausanne und erst seit ein paar Tagen in Thun und sie konnte kaum ein Wort Deutsch. So unterhielten wir uns mit Händen und Füßen. Auch Papier und Kuli kamen zum Einsatz. So zeichnete sie z. B. die Kontur eines Löffels und schrieb "la cuillère" dazu. Ein anderer Ausdruck den sie aufschrieb war "mon état général", aber dafür war gab es keine Illustration.

Als sie nachhause musste, begleitete ich sie und unterwegs kaufte sie sich am Bahnhof eine französischsprachige Zeitung. In dieser zu ende gehenden Skisaison waren die Österreicher den Schweizern zumeist eine Nasenlänge voraus gewesen. Als Jacqueline den Sportteil aufschlug, entfuhr es ihr: „die chaiben Öschtricher!“ Also ein paar Worte hatte sie in Thun schon aufgeschnappt. Ich zeigte mir auf die Brust und sagte „ich Öschtricher!“ Das war natürlich ein Anlass für herzhaftes Gelächter.

Am nächsten Tag auf der Arbeit erzählte ich meinem Kollegen René von meiner Bekanntschaft. Er hatte es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, mir das eine oder andere auf Französisch beizubringen (Quelle heure est-il ?, la aiguille des secondes, Qu'est-ce que c'est ?). Da kam auch noch Luc dazu, ein Westschweizer, und nach kurzem Hin und Her über "mon état général" fragten sie mich, wohin ich Jacqueline begleitet hätte und es stellte sich heraus, dass es ein Heim für junge, ledige werdende Mütter war (Hohmad). Viele Jahre später, kurz bevor ich die Schweiz verließ, suchte ich nach dem Namen Oberlin im Lausanner Telefonbuch. Da waren zwei oder drei. Ich erwischte einen Cousin von Jacqueline und der gab mir ihre Nummer. Sie konnte mittlerweile gut Deutsch und wir schwelgten in Erinnerung des denkwürdigen Geschehens.

3. Februar 2022

Lieber Fritz

die Raum-Zeit Koordinaten unserer Schwerpunkte waren fast gleich – an galaktischen Dimensionen gemessen – als die Weltgeschichte um folgende Begebenheit expandierte:

Der Vorhang geht auf und alle Augenpaare sind nach rechts vorn zur Tür gerichtet, wo ein fremder, kleiner, nicht gerader schlanker Mann im grauen Mantel und mit grauem Hut auf dem Kopf, auf der Nase eine Brille und unterm Arm eine Aktentasche, den Raum betritt und wortlos, ein bisschen wie schleppend, der Fensterreihe zustrebt, wo ein Pult steht, auf welches er seine Tasche und sodann seinen Hut legt, sich dann seines Mantels entledigt, sich zur Wandtafel dreht, ein Stück Kreide ergreift und - noch immer ohne ein Wort gesprochen zu haben - „§1“ an die Tafel schreibt.

Dieser Mann war nicht ohne Humor, vielleicht hat er bei dieser Szene sogar innerlich geschmunzelt und sie schon zum wiederholten mal gespielt. In den zwei Jahren, in denen er uns sein optimiertes Programm gekonnt darbot, hat er zweimal, im Sitzen, einen Drudenfuß unten an die Tafel gezeichnet und gefragt, was das darstellt. Ich glaube er hat insgeheim darauf gewartet, dass jemand sagt, das sei ein Judenstern.

Einmal kam es zu der Situation, dass einer von uns sagte,

„aber durch null kann man nicht dividieren!“

„Warum?“

„Wir haben gelernt, dass das nicht definiert sei.“ (Beusch)

„Warum macht man daraus so ein Geheimnis?“

„Wieso, was soll es denn ergeben?“

„Na unendlich“, sagte er, dabei hob er die Oberlippe leicht an, wodurch sich die Haut an seiner Nasenwurzel in Runzeln legte. Gleichzeitig re-positionierte er mit der Hand seine Brille.

Einmal betrat ein großgewachsener schlanker Mann mit graumelierten Haaren den Saal und sagte: „Mein Name ist Jud. Ich bin der Vorstand der Abteilung Maschinenbau und bringe die Semester-Zeugnisse.“ Kaum war er draußen, machte der kleine Mann wieder die Mine mit der angehobenen Oberlippe und der Brille und fragte: „Wie heißt der Mann?“

Wir wissen ja, dass der kleine Mann jüdischer Herkunft war, und deshalb mit dem Thema spielte.

Theodor hat Omikron aus dem Kindergarten nach Hause gebracht, dann die Leonore und schließlich auch Julia und Clemens angesteckt. Clemens war jetzt zweieinhalb Wochen zuhause und ist heute wieder zur Arbeit gegangen, falls der Test heute morgen das zuließ.

Habe hier einen Link zu meinem Artikel über die Zahlen, den ich zurzeit gerade total überarbeite, um bessere Verständlichkeit zu erreichen. Der könnte Herrn Beusch gefallen, der immer bestrebt war, uns etwas tiefer schürfen zu lassen als nur Konzepte anzuwenden. Vom grünen Buch verwendete er daher nur den dritten Band. (Der zweit Band war Geometrie). Anstatt des ersten Bandes verwendete er das Buch mit braunem Einband von Krakovski oder so ähnlich. Hast du das Buch noch? Ich habe alle Unterlagen in Zürich in der Ekkehardstraße gelassen. Später schickte ich in einem Brief 50 Franken an Frau Borel mit der Bitte, mir die Sachen nachzuschicken. Darauf schrieb sie zurück, warum ich ihr 50 Franken schicke, ich hätte doch alles bezahlt. Dazu schickte sie mir Fotos von ihrer Katze Mädi, die immer in der Küche geschissen hatte.

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Wie die Geschichte weiter geht, wird demnächst fortgesetzt.

Stephen Hawking (1942 - 2018) wäre froh gewesen, hätte er einmal vor seine Haustür treten können, und der Heinrich, der gesunde Glieder hat, liegt bis um zehn im Bett und vermeidet jede Bewegung.